Repression & Dokumentation

eine Anleitung für einen solidarischen Umgang mit visuellem Pressematerial

1. Warum eigentlich?

Repression ist ein zentraler Faktor, der bei sämtlichen Formen von linkem Aktivismus mitgedacht werden muss. Auch visueller Journalismus, der sich selbst als links(-radikal) versteht, ist hierbei kein Ausnahmefall, denn obwohl Repressionsbehörden meistens eigene Kamerastangen, wenn nicht sogar Kamera-Fahrzeuge zur Aufzeichnung mitbringen, ist auch das Auswerten medialer Erzeugnisse eine gängige Praxis. Und wir, als solidarische Erzeuger:Innen dieser Medien tragen mit die Verantwortung dafür, wie unser Material in diesen Fällen verwendet werden kann und was für reale Konsequenzen für Aktivisti aus unserer Arbeit folgen können. Besonders aus dem Vertrauensverhältnis zwischen uns und Aktivisti folgen oft Perspektiven und Abbildungen, die für Repressionsorgane eher schwierig zu erreichen sind.

1.1 Aber bin ich als Presse nicht geschützt?

Die kurze Antwort lautet: Jein. Besonders mit offizieller Presseakkreditierung genießt Mensch natürlich gewisse Privilegien auf Aktion im Gegensatz zu Aktivisti. Nichtsdestotrotz, besonders als linke Presse, wäre die Annahme von Repression nicht direkt betroffen sein zu können grunsätzlich gefährlich naiv. Abseits von physischer Gewalt in der Situation selbst, von der ja auch Presse gelegentlich betroffen ist, sind auch Hausdurchsungen und Beschlagnahme technischer Geräte und Datenträger unter wilkürlichem Vorwand ein vermehrt auftretender Angriff auf die “Pressefreiheit.

1.2 Hauptgefahr Veröffentlichung

Mal ganz von Hausis abgesehen, geht die größte Gefahr von der repressiven Auswertung veröffentlichter Medieninhalte, sei es auf sozialen Medien oder anderen Medienplattformen, aus. Besonders die Internetpräsenz linker Medienkollektive oder Organisationen sind bei unsensibler Handhabung von Pressematerial ein sehr vulnerabler Angriffspunkt im Kampf gegen den Repressionsapparat. Bildmaterial, das Aktivisti erkennbar in einem repressionsbetroffenen Kontext zeigt, kann maßgeblich für spätere Repressionsmaßnahmen sein, seien es Strafverfolgungen, Erfassungen durch den Verfassungs”schutz” oder Hausdurchsuchungen selbst. In diesem Sinne ist das Einhalten unserer Seite des linken Prinzips “No Face No Case” Grundlage für repressionssensible Veröffentlichung.

2. Wie schütze ich am effektivsten Aktivisti?

Glücklicherweise ist Unkenntlichkeit etwas, das viele Aktivisti bereits durch Transparente, Outfits, Regenschirme oder sogar Makeup anstreben. Dennoch ist es notwendig, bestimmtes unkenntlich machen noch im Nachhinein vorzunehmen, weil Vermummung seitens Aktivisti nicht immer eine Möglichkeit bzw. strategisch sinnvolle Entscheidung ist. Es gibt unzählige Möglichkeiten, die geläufigsten sind selektives Verpixeln oder Weichzeichnen. Zu beiden folgt in 2.2 eine technische Anleitung für Adobe Photoshop. Alternativ kann ganz unten auch einfach eine fertige “Action” für Photoshop heruntergeladen werden.

2.1 Wie viel Zensur ist notwendig?

Wie repressionsgefährdet einzelne Aktivisti sind und wie stark demzufolge zensiert werden sollte, lässt sich nur anhand dessen abschätzen, wie strafbar einzelne Aktionen sind und wie repressionsbetroffen die abgebildete Orga/Gruppe/etc. ist. Besonders für letzteres lohnt sich natürlich auch Kommunikation mit abgebildeten Gruppen selbst. Grundsätzlich aber, sollten Gesichter und Tattoos auf repressionsgefährdeten Aktionen auf jeden Fall unkenntlich gemacht werden. Bei Aktionen mit höherem Aktionsniveau, bei denen Vermummung sowieso einheitlich geführt wird, ist meistens auch das Zensieren von Schuhen und Marken sinnvoll, da diese auch oft als Alleinstellungsmerkmal einzelner Aktivisti dienen. In manchen Fällen kann sich sogar das Zensieren von bereits vermummten Menschen lohnen, wenn markante Gesichtszüge selbst durch Schlauchschal erkennbar sind. Grundsätzlich ist also je nach Aktionsniveau und Orga ein mehr oder weniger genaues Suchen und Zensieren von Alleinstellungsmerkmalen sinnvoll und erforderlich.

2.2 Wie zensiere ich? (in Adobe Photoshop)

Ob Verpixeln oder Weichzeichnen ist im Wesentlichen eine äesthetische Entscheidung, dieses Tutorial zeigt, wie beides in Photoshop funktioniert. Anstatt des Tutorials selbst ist unten aber auch einfach ein Download als Photoshop-Aktion möglich, die die ersten paar Schritte automatisch macht.

Fangen wir an mit einem Bild von einem Schulstreik gegen die Wehrpflicht. Molly (rechts) ist auch da, weil Molly keine Lust hat, für’s Kapital zu sterben. Molly hat grundsätzlich einen Schulstreik für nichts dramatisches gehalten, weil Molly nicht wusste, dass Axel Springer Tage später einen Artikel darüber schreiben würde, inwiefern die Schulstreiks doch von linksextremen Kadergruppen vereinnahmt würden und dass diese eine linksextreme Kaderstrategie sei. Auch hätte Molly nicht gedacht, dass auf dem Schulstreik Pyrotechnik gezündet werden würde. Und jetzt existiert dieses Bild von Molly auf einer Demo zu einem zunehmend kriminalisierten Thema mit unangemeldeter Pyrotechnik 2 Reihen hinter sich. Wir sollten zumindest Molly’s Gesicht zensieren.

Nach öffnen des Bildes möchten wir zuerst die Grundebene duplizieren und in ein “Smart Object” umwandeln.

  • im “Ebenen” Panel rechtsclick auf die Ebene und “Ebene duplizieren” auswählen

  • rechtsclick auf die duplizierte Ebene und “in Smart Object umwandeln”

Nun haben wir eine variable Ebene, die wir mithilfe von Filtern unscharf oder verpixelt machen können.

  • Weichzeichnung: Filter/ Weichzeichnung/ Gauß’sche Weichzeichnung

  • Verpixeln: Filter / Verpixeln / Mosaik

Die “Grobheit” der Zensur hängt von der Auflösung des Bildes ab und müssen wir einfach testen, bis uns etwas passt.

Nachdem wir das gemacht haben, haben wir das Problem, dass wir das gesamte Bild verpixelt haben. Um selektiv zu zensieren müssen wir eine Maske anlegen.

  • Alt / Option gedrückt halten und auf das Maskensymbol unten clicken

  • mit einem weißen Pinsel (B) auf die Bereiche malen, die wir zensieren wollen

Beim Export als .tiff müssen wir im Zweifelsfall darauf achten, die Ebenen nicht mit zu exportieren, um Molly zu schützen.

Am Ende der ganzen Geschichte haben wir einen schönen Auszug des Schulstreiks, den wir guten Gewissens hochladen können, ohne das Risiko einzugehen, dass Molly in den nächsten Wochen unerwartet Post bekommt oder ins Visier des Staates geriet. Molly sieht das veröffentlichte Bild und freut sich tierisch darüber, das eigene Gesicht nicht klar erkennen zu können :)

3. Was noch?

Leider ist das Zensieren von zu veröffentlichenenden Inhalten nicht der einzige Schutz, der für solidarische Pressetätigkeit notwendig ist. Handhabung von Datenträgern, Schutz und Umgang mit direkten Repressionsmaßnahmen und grundsätzliches Verständnis von digitaler Überwachung werden früher oder später Themen sein, mit denen eine Beschäftigung sinnvoll ist. Da diese aber noch nicht hier behandelt werden, hier zunächst ein paar kleine Literaturempfehlungen: